Chronik

Oberzell mit Ziegelhütte im Jubiläumsjahr 2017
von Karl u. Irene Dorn, Heike Dorn, Stefan Fehl, Hans-Georg Föller, Karin Frischkorn, Wilhelm Heil, Aylin Jordan, Andreas Baron von Koskull, Michael Kühlthau, Helmut Lins

 Geographische Lage und Umgebung

Oberzell liegt in Deutschland, im Bundesland Hessen, zugehörig zum Regierungsbezirk Darmstadt, im östlichen Bereich des Main-Kinzig-Kreises und ist einer der zwölf Ortsteile der Gemeinde Sinntal. Oberzell liegt auf einer nördlichen Breite von 50 Grad und 19 Minuten und auf einer östlichen Länge von Greenwich von 9 Grad und 42 Minuten. Die Gemarkungsgröße von Oberzell beträgt 1.962 ha und ist somit die größte Gemeindeflur in dem ca. 11.000 ha umfassenden Sinntal.

Die Bewirtschaftung der Flächen unterteilt sich wie folgt:

86,92 ha Siedlungsflächen (4,43 %)
132,80 ha Verkehrsfläche (6,77 %)
857,40 ha Landwirtschaftsfläche (43,70 %)
842,30 ha Waldfläche (42,93 %)
19,03 ha Wasserfläche (0,97 %)
23,55 ha sonstige Fläche (1,20 %)

Der Ortsteil Oberzell hat ca. 1015 Einwohner (505 Frauen, 510 Männer) und liegt, umringt von sieben Bergen, im Tal der Schmalen Sinn am Übergangsbereich von der Rhön zum Spessart. Vorwiegend umwaldete Höhen umgeben den Ort. Der südlich gelegene dominierende Haag ist mit 585 m ü.NHN der höchste Berg im Main-Kinzig-Kreis.


Blick über Oberzell zum Haag

Weitere Berge rund um Oberzell:

Großer Nickus 558 m ü.NHN (nordwestlich)
Kleiner Nickus 488 m ü.NHN (nordwestlich)
Stiftes 568 m ü.NHN (südwestlich)
Hirschberg 474 m ü.NHN (westlich)
Stoppelsberg 571 m ü.NHN (westlich, Gemarkung Weichersbach)
Sandberg 534 m ü.NHN (östlich)

Vollständigkeitshalber seien hier noch die nördlich gelegenen Berge Harth (470 m ü. NHN), der Steiger (527 m ü. NHN) und der Ziener (436 m ü. NHN) genannt. Diese Berge haben ihre Kuppen außerhalb der Gemarkung Oberzell und zählen nicht zu den „klassisch“ genannten sieben Bergen von Oberzell.

Der geologische Aufbau der Gegend um Oberzell besteht aus Buntsandstein (Entstehung vor ca. 250 Mio. Jahren), überlagert von einzelnen Muschelkalkschichten (Entstehung vor ca. 165 Mio. Jahren) und die durch den intensiven Vulkanismus häufig vorkommenden Basaltschichten (Entstehung vor ca. 25 bis 14 Mio. Jahren). Das heutige Landschaftsbild verdanken wir den massiven Hebungen im Eiszeitalter, die mit einer intensiven Abtragung der weicheren Gesteinsschichten beim Eisrückgang einherging. Dabei sind die höheren Berge mit ihren vulkanischen Gesteinsabfolgen (Basalt) erhalten geblieben.

Die mittlere Jahreslufttemperatur liegt bei ca. 9,0 bis 11,0 Grad Celsius, bei einer durchschnittlichen Niederschlagsmenge von 60 l/m² und drei Sonnenstunden am Tag. Die mittlere Windgeschwindigkeit liegt bei ca. 10 km/h (Wetterstation Bad Kissingen).


Stoppelsberg

Die Schmale Sinn ist ein rechter Nebenfluss der Sinn im Landkreis Bad Kissingen und im Main-Kinzig-Kreis in der Rhön. Ihr bayerischer Name im Oberlauf ist Kleine Sinn. Die Kleine Sinn entspringt am Südosthang (Ruckberg) der Dammersfeldkuppe (928 m ü.NHN) im Truppenübungsplatz Wildflecken und fließt vorwiegend in westliche Richtung. An der Wüstung Schmelzhof verlässt sie das Sperrgebiet des Übungsplatzes und erreicht den Ort Kothen. Bei Speicherz unterquert sie die Grenzwaldbrücke der A 7 und durchfließt nach Hessen auf einer Höhe von etwa 310 m ü.NHN den Ortsrand von Oberzell, sie trägt nun den Namen Schmale Sinn. In der Oberzeller Gemarkung sind die Zuflüsse der Hehmersbach und der Steierbach. Nach Oberzell fließt die Schmale Sinn durch Weichersbach und Mottgers, wo sie unmittelbar an der bayerischen Grenze, zwischen Altengronau und Zeitlofs, im Naturschutzgebiet Sinnwiesen sich mit der vom Kreuzberg kommenden Breiten Sinn vereinigt und als Sinn weiterfließt.


Schmale Sinn auf der Höhe des Ebertshofs

Das Dorf mit der Ziegelhütte

Vorzeit Die Besiedlung des Tales der Schmalen Sinn bei Oberzell reicht weit in die Jüngere Steinzeit – etwa 5000 bis 3000 Jahre vor Christi Geburt – zurück. Das bestätigen uns drei Funde in der Oberzeller Flur.

1938 wurde bei Erdarbeiten im damaligen Reichsarbeitsdienstlager Ziegelhütte ein 18,4 cm langer Steindolch aus Flint (Feuerstein), 1950 „in den Speichertserbirken“ eine durchbohrte Steinaxt und 1960 „im Fronrod“ eine nichtdurchbohrte Steinaxt gefunden

Es ist wahrscheinlich, dass Oberzell bereits schon im 9. oder 10. Jahrhundert durch Mönche der Klöster Fulda oder Schlüchtern gegründet wurde. Wir müssen uns in der Mitte des Dorfes bei der Kirche, etwa 800 nach Christi Geburt, eine kleine Kapelle mit einer Niederlassung der Mönche vorstellen. Die Gründer gaben ihrer Siedlung im Bergland den Namen „obere Cella“ im Gegensatz zu den anderen tiefer gelegenen Niederlassungen. Aus dem umliegenden Land mit den großen Buchenwäldern, Buchonia genannt, ließen sich nun Menschen um diese Zelle nieder. Sie rodeten Waldgebiete, verteilten die Felder und bebauten sie. Die Mönche sorgten für das Seelenheil, schützten vor heidnischem Aberglauben, kümmerten sich aber auch um das irdische Wohlergehen, förderten den Haus-, Feld- und Obstbau und halfen den Kranken. So finden wir auch heute noch die ältesten Bauernhöfe am Kirchberg, in der Mitte des Dorfes.

Wie bereits erwähnt, bauten die ersten Siedler ihre Häuser um die Kirche herum. Da ziemlich planlos gebaut wurde, entstand ein Haufendorf, das eine gute Straßenführung unmöglich machte. Später kamen die neueren Ortsteile „Unterdorf“ und „Steinhaag“ hinzu. In der „Zeil“ und am „Knottenrain“ wohnten früher die armen Leute ohne Feldbesitz, sie konnten für sich nur solch steiniges Baugelände erwerben, das nicht zu anderen Nutzzwecken diente. Als dann aber später diese Bewohner auch Ländereien erwarben, z. B. durch Rottstücke im „Hirschberg“ und „Fronrod“ und Scheunen und Stallungen bauen mussten, gerieten sie oft wegen der ungünstigen Lage und Enge in große Bedrängnis.

1167 Erste urkundliche Erwähnung von Oberzell als Cella „ein Dorf mit Kirche“ genannt. Bischof Herold von Würzburg stellt auf Bitte von Abt Ulrich (Odalrich) das Kloster Schlüchtern in Schutz und zählt in einer Urkunde die Besitzungen des Klosters auf, damit sie nicht dem Kloster entfremdet werden.

1453, 6. August. Der Schwarzenfelser Amtmann beruft auf Veranlassung Graf Philipps des Älteren von Hanau ein außerordentliches Gericht ein. Es soll festgehalten werden welche Dörfer zu den Gerichten (nicht Ämtern) Schwarzenfels und Altengronau gehören. Anlass dazu war möglicherweise die bevorstehende Teilung der Grafschaft in die Linien Hanau-Lichtenberg und Hanau-Münzenberg.

Zum Gericht Schwarzenfels gehörten Sterbfritz, Weichersbach, Vollmerz (mit Ausnahme von drei Gütern), Ramholz, Hutten, Gundhelm, Oberkalbach, Heubach, Oberzell – hier Zcelle genannt, der halbe Teil von Züntersbach, Uttrichshausen und die heute verschwundenen Dörfer Neuendorf, Leybolz, Wintersbach, Kressenborn, Lindenberg und Ramoltzborren.

1549 Oberzell hat 31 Haushalte, Weichersbach 31 Haushalte und der Zentgraf, Sterbfritz 30 Haushalte, Schwarzenfels 17 Haushalte und die hanauische Hälfte von Züntersbach 18 Haushalte. Die Dörfer hatten alle nach Schwarzenfels, dem Sitz des Hanauischen Amtes, zu zinsen und zu fronen.

1597 Oberzell gehörte mit 50 „Hausgesäßen“ (selbstständigen Haushalten) und einer Kirche schon vor dem Dreißigjährigen Krieg zu den größeren Dörfern. Es gab im Dorf 47 Häuser, 1 halbes Haus, 1 Häuslein, eine Mühle, 34 Scheuern, 2 halbe Scheuern, 12 Gaden (Auszüglerhäuschen), 8 Schuppen und 3 Schafställe, also 108 Gebäude. Es gab auch einen Kalkofen.

Um 1643, gegen Ende des „Dreißigjährigen Krieges“, kam die Not auch in unsere Gegend. Durchziehende Soldaten und Krieger haben die Dörfer ausgeplündert. Um 1646 seien die Krieger wie Schneeflocken eingefallen und die Bewohner mussten mit ihrem Vieh und Hausrat auf die Burgen und Schlösser fliehen. Das ganze Amt Schwarzenfels hatte nur noch 79 Untertanen (Haushalte). In Oberzell – hier „Zella“ genannt, war die Zahl der Haushalte auf 9 gesunken.

1704 werden erstmals Ziegler erwähnt. Ihr Wohn- und Brennhaus stand außerhalb der Ortschaft „bei der Trift“ gelegen. Diese Ziegelei stand damals an der Stelle, die heute als Anwesen „önner Hötte“ auf der Ziegelhütte bekannt ist und wurde als herrschaftliches Lehen einem Pächter gegeben, der das Recht hatte, Lehm und Ton aus den Gruben zu holen und daraus Ziegelsteine und Dachziegel zu brennen. Einen Teil der gebrannten Steine musste er der Herrschaft abgeben. Dieser Betrieb arbeitete bis etwa 1890, dann stellte der letzte Ziegler die Produktion ein, da die Qualität der Ziegel nicht mehr den Anforderungen genügte.

1706 Die Oberzeller Kirche wird von Grund auf repariert. Hierbei handelt es sich um einen Vorgängerbau der jetzigen Kirche. Vermutlich bestand die alte Kirche aus einer Holzkonstruktion.

1731 wird zum ersten Mal die „Herrschaftliche Ziegelhütte obig der Dorfschaft oberm Felde an der Trift gelegen“ urkundlich erwähnt. Sie bestand aus Wohn-, Ziegel- und Brennhaus, sowie Hofreite und Garten.

In Oberzell werden 63 Haushaltungen gezählt. Fast hundert Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg zählt Oberzell wieder zu den größeren Dörfern in der Umgebung.

1732 Eine Beschreibung des Amtes Schwarzenfels aus dem Jahre 1732, von einem Geometer Rüstmeister, gibt uns wieder genauere Auskunft über das Dorf. Für die Dorfschaft „Oberen Zelle“ werden 63 Haushalte genannt: Zwölf Ganze Bauern, Elf Halbe Bauern, Zwanzig Viertels-Bauern, Dreizehn Hintersassen, Drei Juden, Vier Beysassen ohne Häuser.

1764 brach im Klüh‘schen Besitz (später dem Juden David Goldschmidt gehörend, später ehemalige Bäckerei Riebel, Kirchberg 12) durch den Leichtsinn eines Dachdeckergesellen, der beim Dachdecken einer Scheune seine Pfeife rauchte, ein Großfeuer aus. Die aus der Pfeife fallende Glut entzündete das Stroh, und innerhalb kurzer Zeit waren durch die ungünstigen Windverhältnisse 60 Gebäude nach dem Unterdorf zu eingeäschert. Die Kirche konnte mit viel Mühe gerettet werden. Ein Zeugnis dieses Großbrandes könnte die im Jahre 1986 beim Aushub der Baugrube für das neue Wohnhaus der Familie Dorn Sinntalstraße 27a („Heckets“ / alte Haus-Nr. 145) gemachte interessante Entdeckung sein. Auf der Kellersohle legte der Bagger in schwarzer, verkohlter Erde drei nebeneinander liegende Großvieh-Skelette frei und man stellte nach eingehenden Untersuchungen fest, daß sich an dieser Stelle ein Stall befunden haben mußte. In der über zwei Meter hohen Sandstein-Grundmauer der dort abgerissenen Scheune konnte auch noch eine mit Sandsteinen zugemauerte Tür erkannt werden. Es ist stark anzunehmen, daß sich in dem ehemaligen Stall drei angekettete Milchkühe befanden, die bei dem Großbrand nicht entkommen konnten.

1767, 23. April, Gründung der Hessischen Brandkasse. Die Häuser erhalten durchgängige Brandversicherungsnummern. Sie waren als Hausnummern gültig bis 1972.

1790 Neben der herrschaftlichen Ziegelhütte bildet sich eine Siedlung.

1806 – 1813 Oberzell steht unter französischer Verwaltung und ist von 1810 bis 1813 Teil des Großherzogtums Frankfurt.

1808 Ein „besonderer“ Glockenturm muss gebaut werden, da der alte baufällig ist.

1813 Im Oktober herrschte lebhaftes Treiben, die Kosaken machen in Oberzell Quartier.

Bei dem Rückzug der Franzosen aus Russland verbreitet sich an allen Orten, die sie durchqueren, durch eingeschleppte Läuse das Fleck- oder Nervenfieber (Typhus), und auch unsere Gegend wird nicht verschont. Wegen der Ansteckungsgefahr untersagt das kurfürstliche Konsistorium zum 13. Dezember alle öffentlichen Leichenbegräbnisse und -feiern. Zum 21. September 1814 konnte die Verordnung wieder aufgehoben werden.

1816 Aus den Aufzeichnungen des Bauern Heinrich Lins „Linsegut“ ist zu entnehmen, dass eine große „Hongersnoth“ gewesen sei. Ursache waren Missernten durch zu lange Regenzeiten. Das Jahr 1816 gilt allgemein in Europa und Nordamerika als Jahr ohne Sommer.

1816 Bau der Judenschule, heutiges Wohnhaus Kirchberg 4 („Woanesch“ / alte Haus-Nr. 10). In ihr war die Wohnung des jüdischen Lehrers, ein Raum für den Gottesdienst und im Keller ein Bad (Mikwe) vorhanden.

1821 Auf der Ziegelhütte stehen 16 Häuser, deren Bewohner sich fast alle von der Herstellung hölzerner Waren (Löffel, Kornschaufeln, Kuchenbretter, „Schießer“ zum Einschieben der Brote in den Backofen, Mulden zum Schlachten „Bollen“, und Hackbretter) und deren Verkauf ernährten. Diese Waren wurden besonders an Händler in Dalherda verkauft, die sie auf Messen und Märkten von Kassel bis Frankfurt feilboten. Bei den Höfen unterhalb der Straße kann man heute noch große Ähnlichkeiten in der Bauart und Ausrichtung der Gebäude erkennen, auch die Grundstücke haben die gleiche Breite. Wahrscheinlich wurden hier 14 Höfe planmäßig angelegt. Später wurden zwei Höfe geteilt. Die Straße führte früher unter diesen Häusern bei der „Önner Hötte“, der ursprünglichen Ziegelhütte, vorbei, erst später wurde die heutige Straße oberhalb der Häuser angelegt. Es gab auch Köhler, deren Meiler in den umliegenden Wäldern rauchten. Die Holzkohle verkauften die „Schwarzen Männer“ an Schmiede, Spengler und Schneider. Der größte Teil ging jedoch an einen Eisenhammer im Bayerischen.

1825 Schülerzahlen in der Klasse Schwarzenfels (Klasse ist ein Verbund von mehreren Pfarreien):

Sterbfritz 232, Breunings 41, Ramholz 91, Vollmerz 41, Hinkelhof 26, Gundhelm 160, Hutten 140, Neuengronau 125, Jossa 54, Altengronau 128, Mittelsinn 123, Schwarzenfels 120, Züntersbach 88, Weichersbach 164, Oberzell 184 und Mottgers 136.

1830 Die Oberzeller Schülerschaft umfasst 200 Kinder. Eine Zunahme von 16 Kindern in fünf Jahren.

1835 Eine handschriftliche Notiz von Hans Engelhardt (In den 1960er Jahren Lehrer in Sterbfritz) gibt uns Einsicht über die im Jahre 1835 vorkommende Anzahl der Einwohner und wie sich die Dorfgemeinschaft zusammensetzte (133 Haushalte, 1258 evangelische und 6 katholische Einwohner, 54 Juden, Ziegelhütte: 17 Haushalte). Es werden zwei Schulen genannt. Vermutlich die staatlich-christliche Schule sowie die Judenschule.

1836 Das Kurfürstlich Hessische Hof- und Staatshandbuch für das Jahr 1836 gibt die Einwohnerzahlen des Amtes Schwarzenfels an:

Ort

Schwarzenfels
Altengronau mit Dittenbrunn
Breunings mit Willingshof und Ziegelhütte
Heubach
Jossa
Mittelsinn
Mottgers mit Blaufarbenwerk
Neuengronau mit Dietershof
Obersinn
Oberzell mit Ziegelhütte
Sterbfritz
Uttrichshausen
Weichersbach
Züntersbach

Zusammen

Häuser

71
105
51
92
41
43
84
67
17
133
138
97
102
45

1086

Seelen

657
747
346
735
372
432
803
523
148
1318
1100
891
945
387

9404

An diesen Zahlen kann man sehen, dass damals etwa 9 Personen in einem Haus lebten.

1836 Oberzell und Züntersbach werden ein eigenes Kirchspiel.

1842/43 Eine aufgrund der Missernte durchgeführte Inspektion berichtet aus Oberzell, dass die armen Leute es sich nicht leisten können, das Stroh für das Stopfen der Strohsäcke zu verwenden, sodass die Menschen auf einfachen Brettern schlafen müssen.

1843/45 Laut Steuerkataster gab es in Oberzell neben einigen „erblichen“ Gütern – dem Ebertshof, der Ziegelhütte und zwei Mühlen – 41 sog. „geschlossene Bauerngüter“, und zwar:

9 „ganze“
1 „Dreiviertels“
9 „halbe“
11 „Viertels“
6 „Sechstels“
5 „Achtelsgüter“

Um diese Zeit wurden die Frondienste abgelöst. Die Höfe gingen in den Besitz der Bauern über. Das Dorf bestand etwa zur Hälfte aus bäuerlicher Bevölkerung. Neben 60 „Ackerbautreibenden“ gab es 48 „Handwerker“ und 17 „Händler“.

1847 Der Totenhof wird von der Kirche an seinen heutigen Platz verlegt.

1845 – 1850 Hungerjahre durch Kartoffelfäule verursacht, die große Auswanderung nach Amerika beginnt. Die Einwohnerzahl fällt in 50 Jahren von 1400 auf 825. Es wandern zum Teil ganze Familien aus, darunter auch der bekannte Oberzeller Philipp Kühlthau, der mit seinen Eltern und 11 weiteren Geschwistern 1853 Milltown (New Jersey) erreicht.

1850 Mit 1425 Einwohnern in 170 Häusern zählte Oberzell im Kurfürstlichen Staatshandbuch seine bisherig höchste Bevölkerungszahl und war somit das größte Dorf im Umkreis. Die Menschen wohnten in den Häusern dicht beieinander, oft mehrere Familien in einer armseligen Hütte.

1853 Abriss des alten einsturzgefährdeten Glockenturms der Kirche.

1867 Am 15.09.1867 wird die Oberzeller Kirche durch Superintendent Wendel aus Hanau eingeweiht. Die Kirmes (Kirchweihe) wurde bereits traditionell schon 100 Jahre vorher immer am zweiten Wochenende im September gefeiert. Diese Tradition hatte seit über 230 Jahren Bestand. Im Jahr 2000 wird, aufgrund der zumeist schlechten Wetterlage am zweiten Septemberwochenende und dem Radlersonntag „Kinzigtal Total“, entschieden, die Kirmes am zweiten Augustwochenende auszurichten „welches dem Gedanke des Erinnerns an die eigentliche Kirchweihe allerdings entgegensteht“.

1883, 21. Juli. Ein unschöner Beigeschmack folgte der Alarmierung der Feuerwehren im Amt Schwarzenfels, als am Abend in der Scheune des David Goldschmidt (heute ehemalige Bäckerei Riebel, Kirchberg 12) ein Feuer ausbrach. „Ruchlose Hand“ soll dieses gelegt haben, und die Flammen erfassten in rasender Schnelligkeit auch das Anwesen des Heinrich Ochs („Ochse“ / Quellenstraße 2), wobei beide Häuser nebst Scheunen in Asche gelegt wurden. Kirche und Schule, ja das ganze Oberdorf waren in Gefahr. Vom gleichen Anwesen ging im Jahr 1764 schon einmal ein Brand aus, bei dem das ganze Unterdorf nieder brannte.

1890 Um dieses Jahr wird die Ziegelproduktion auf der Ziegelhütte eingestellt.

Ende des 19 Jhd. Der größte Hof war zu dieser Zeit das „Linsegut“, Am Kirchberg 20 („Ammegrets“ / alte Haus-Nr. 143). Mit Stolz sagte sein Besitzer, dass er auf eigenem Grund und Boden von seinem Hof bis zum Schinner (Abzweigung von der Speicherzer Straße zur Ziegelhütte durch den Grund) gehen konnte. Auch einige Flurnamen wie Linsefeld und Linsenwiese erinnern noch heute an den Gutshof. Doch zu Beginn des 20. Jhd. geriet der Besitzer des Hofes in Schulden, und der damalige Geldgeber in Oberzell, der jüdische Handelsmann Josef Finsterwald, ließ schließlich den Hof zwangsweise verkaufen. Trotz einer Absprache in der Gemeindevertretung, dass kein Einheimischer Teile des Gutes erwerben sollte, konnten aber einige Bauern nicht widerstehen, ihren Besitz durch die gut gelegenen Grundstücke dieses Hofes zu vergrößern.

Um 1900 zählt Oberzell nur noch 825 Einwohner.

1906 Die Bewohner der Ziegelhütte beantragen für ihre 36 Kinder bei der Königlich-Preußischen Regierung eine eigene Schule. Dies wurde aber wegen Unwirtschaftlichkeit abgelehnt.

1907 Die „Önner Hötte“ brennt völlig ab und wurde durch einen Neubau ersetzt.

1914 Im ersten Weltkrieg erhielt der Oberzeller Holzschuhmacher Konrad Eichholz einen Heeresauftrag für hölzerne Stiefelschuhe. Sie hatten einen größeren Ausschnitt, wurden über den Lederstiefeln getragen und sollten bei den Soldaten in den Schützengraben Erfrierungen verhindern.

1914 – 18 Nach dem Ersten Weltkrieg trauert Oberzell um 28 Gefallene und 5 Vermisste. Bei der Schlacht von Verdun 1916 kommen Wilhelm Kehm, Johannes Eichholz, Konrad Heil und Wilhelm Müller aus Oberzell ums Leben.

1927 Das Dorf wird elektrifiziert. Das erste “Lichthäuschen“ stand im “Hofpoad“ gegenüber der heutigen Schule in der Alfred-Kühnert-Straße. Die Hauptleitung kam von Heubach. In den 70er Jahren wurde das Häuschen abgerissen und das Stromhäuschen wurde an der heutigen Stelle am Sandberg angesiedelt.

Oberzell zählte schon immer zu den Notstandsgebieten der Rhön. Bauersfrauen, die mit Kötzen und Körben ihre Erzeugnisse bis nach Fulda schleppten, Löffelschnitzer, die mit der Schubkarre die Ware nach Dalherda fuhren und Bauernburschen, die sich zur Ernte- und Winterszeit in fruchtbareren Landstrichen verdingten, waren keine Seltenheit. Als nun nach dem ersten Weltkrieg sogar die Wirtschaftskrise ausbrach, suchten die armen Menschen nach einem Helfer. Es ist kaum verwunderlich, dass viele in ihrer Not einem Adolf Hitler glaubten, der ihnen Arbeit und Brot versprach.

1937 Bei der Ziegelhütte wird ein Reichsarbeitsdienstlager errichtet. Es trägt die Bezeichnungen RAD-Abt. 5/225 und 8/225.

1945 Noch vor dem Einmarsch der Amerikaner am 5. April gab es in Oberzell mehrere erregende Ereignisse. Eins davon ist, dass am Ortsausgang nach Züntersbach weitere Soldaten mit einem Flakgeschütz in Stellung gegangen waren. Diese hatten die um Abzug bittenden Einwohner mit Erschießung bedroht und dem unmittelbar daneben wohnenden (heutiges Wohnhaus Steinhaag 24), weiter protestierenden Hausbesitzer Wilhelm Müller „Gasse“ eine Eierhandgranate auf den Schuppen geworfen, wobei seine Ziege getötet wurde. Plötzlich setzte aus Richtung Schwarzenfels Artilleriebeschuss ein, die deutschen Verteidiger zerstörten ihr Geschütz und verließen fluchtartig in Richtung Speicherz und Volkers den Ort. In das geräumte Dorf, besonders aber an den Ortsrand schlugen etwa 100 Granaten ein. Dabei wurde in der heutigen Rhönstraße bei „Sanne“ durch Granatsplitter eine Mutter, die Anna Zeller, verwundet und ihre Tochter, die Maria Zeller, getötet, als sich beide in den Keller in Sicherheit bringen wollten. Die schwer verwundete wurde ins Lazarett der Amerikaner auf die „Heckets Schießmauer“ gebracht. Der nächste Treffer „schlug auf de Hahns Bure ei“. Dort wurde unter anderem auch „de Flaschschrank getroffe, on die Würscht floche auf de Stross römm“. Beim Wohnhaus im Steinhaag 10 („Neumännjes“) wurde bei Dachdeckerarbeiten im Jahre 2000 die durch den Granatenbeschuss zersplitterte Holzschwelle des Dachstuhls als Zeuge des damaligen Angriffs entdeckt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg betrauert Oberzell 43 Gefallene und 21 Vermisste.

1945 – 1946 148 Flüchtlinge und Heimatvertriebene aus Schlesien, dem Sudetenland und Ungarn werden in Oberzell aufgenommen. Außerdem waren während des Krieges schon viele Evakuierte aus Großstädten nach Oberzell gezogen. Die Arbeitsdienstbaracken dienten als Aufnahmelager für Heimatvertriebene.

1946 Oberzell gehörte nach dem zweiten Weltkrieg zu Großhessen in der US-Besatzungszone, aus der sich 1946 das Land Hessen entwickelt.

1955, 3. November. Einweihung des Schulneubaues in der heutigen Alfred-Kühnert-Straße 6 durch den hessischen Ministerpräsidenten Dr. Georg August Zinn.

1967, 23. – 25. Juni 1967 800-Jahr-Feier in Oberzell.

Festveranstaltungen und Festumzug von der Ziegelhütte nach Oberzell.

Die Mainzer Hofsänger sind zu Gast, der Heimatabend wird allerdings durch ein heftiges Unwetter überschattet, so dass das Zelt teilweise von den Sturmböen abgedeckt wird. Die Großveranstaltung drohte förmlich im Schlamm zu ersticken. Die für das Fest einstudierten Darbietungen, insbesondere der Kleinsten, wurden in einer kleinen Feierstunde später nachgeholt.

Zeitgleich wurde das 100-jährige Kirchenjubiläum gefeiert. Zwei zusätzliche Glocken, jetzt vier, wurden angeschafft, der feierliche Gottesdienst mit beiden Oberzeller Chören wird im Hessischen Rundfunk übertragen, das ergänzte Geläut in den Tonlagen „Es-B-Des-Es“ krönt den festlichen Rahmen.

1971 Der erste Bauabschnitt zur Kanalisierung beginnt in der Sinntalstraße. Dafür wird ein Darlehen von 300.000 DM aufgenommen.

1974 Im Zuge der hessischen Gebietsreform wird Oberzell am 1. Juli der Großgemeinde Sinntal angegliedert. Die Kreise Schlüchtern, Hanau und Gelnhausen bilden den Main-Kinzig-Kreis.

Für die Übergangszeit bis zur Konstituierung der Großgemeinde Sinntal beauftragte der Regierungspräsident in Darmstadt den Bürgermeister der Altgemeinde Sterbfritz zum Bürgermeister, die ehemaligen Bürgermeister (von Oberzell Konrad Dorn) zu Beigeordneten und die ehemaligen Beigeordneten (von Oberzell Wilhelm Heil und Heinrich Richter) insgesamt 15, zu Gemeindevertretern der kommenden Gemeinde Sinntal.

1976 Im Juni werden neue Straßennamen und Hausnummern offiziell bekannt gegeben. Die bisherige Durchnummerierung durch das ganze Dorf und die Ziegelhütte geht zurück auf die Gründung der Hessischen Brandkasse 1767. Allerdings mussten, mit der Eingemeindung in die Großgemeinde Sinntal, zwei Jahre später einige Straßen umbenannt werden, da es diese Straßennamen schon in anderen Ortsteilen der Großgemeinde gab. So hieß die Quellenstraße zuerst Brunnenstraße, die Niederfeldstraße hieß Spessartstraße und die Alfred-Kühnert-Straße hieß zuerst Schulstraße u.a.. Auch viele Hausnummern mussten noch mal geändert werden, sodass sie, wie allgemein üblich, in der Ortsmitte beginnen, mit den ungeraden Nummern auf der linken und den geraden Nummern auf der rechten Seite. Eine Ausnahme bildet die Alfred-Kühnert-Straße.

1986 Beginn der getrennten Müllsammlung in einigen Ortsteilen Sinntals.

1990 Die Häuser der Ziegelhütte werden an das Kanalnetz angeschlossen..

1993 Die Neuapostolische Kirche im Steinhaag wird eingeweiht.

Die Gemeinde Sinntal übernimmt das als „Filetstück“ bezeichnete Anwesen Glock („Hanse“) zur Nutzung als Bürgerhaus.

2003 Das Bürgerhaus wird abgerissen, da es größtenteils baufällig geworden war. Es wird ein neues Bürgerhaus mit angrenzendem Feuerwehrhaus gebaut.

2015 Die Ortsdurchfahrt im Bereich der Sinntalstraße wird ausgebaut, breite (rote) Bürgersteige und verkehrsberuhigende Ausweichbuchten werden angelegt. Die straßennahe Scheune „Engpass“ in der Sinntalstraße 28 („Kühhanse“ / alte Haus-Nr. 56) wird zurückgesetzt und das Wohnhaus in der Sinntalstraße 18 („Dommesse“ / alte Haus-Nr. 49) wird abgerissen, desgleichen das nebenan stehende Backhaus.

2016 2. März Spatenstich für die „Nordumgehung Oberzell“. Nach nun 40 Jahren Planungszeit und schier endlosen Debatten, die sehr hitzig diskutiert wurden, wird die Nordumgehung gebaut.

Am 17. Mai werden erstmals Flüchtlinge aus dem terrorgeplagten Krisengebiet Irak in Oberzell aufgenommen. Es handelt sich um einen Säugling, vier Kinder unter 6 Jahren, zwei Frauen und zwei Männer, die im Wohnhaus in der Weidenstraße 2 („Staubesands“ / alte Haus-Nr. 140) ein neues Zuhause gefunden haben.

 

Zum Schluß ein bißchen Statistik von Oberzell:

Die Bürgermeister der Gemeinde Oberzell in den letzten 100 Jahren.

1860-1877 Konrad Kühlthau
1877-1911 Philipp Christ
1911-1924 Johannes Christ
1924-1930 Wilhelm Behacker
1930-1933 Nikolaus Fehl
1933-1945 Johannes Malkmus
1945-1949 Heinrich Christ
1949-1951 Heinrich Lins
1951-1968 Konrad Manns
1968-1974 Konrad Dorn (letzter Bürgermeister)

nach der Aufhebung der Eigenständigkeit der Gemeinde Oberzell sind folgende Ortsvorsteher tätig gewesen:

1974-1977 Helmut Lins
1977-1981 Kurt Dorn
1981-1985 Fritz Pohl
1985-1991 Karl Heil
1992-1993 Conrad Frischkorn
1993-1995 Alfred Richter
1996-1997 Karl Heil
1997-2002 Heinrich Röll
2003-2006 Helga Lins
2006-2013 Heinrich Ochs
2013-2016 Hans-Georg Roth
2016 Mike Richter

Einwohnerentwicklung

1549 31 Haushalte
1597 50 Hausgesäße
um 1643 9 Haushaltsvorstände
1732 63 Haushalte
vor 1812 837 102 Feuerstellen
um 1819 1056 127 Häuser, davon 16 auf der Ziegelhütte
um 1827 1164 127 Häuser
1834 1318 133 Häuser
1840 1360 148 Häuser, davon 17 auf der Ziegelhütte
1846 1425 170 Häuser
1852 1313 167 Häuser
1855 1161 168 Häuser
1864 1174 183 Häuser
1875 1016 167 Häuser
1885 923 160 Häuser
1895 832 153 Häuser
1905 876 161 Häuser
1910 877
1933 842
1939 892
1946 1368
1950 1139
1954 999
1957 951
1960 956
1969 1041
1980 1082
1987 1077
1998 1144
2000 1124
2010 1058
2014 1015

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